Die gesellschaftlich-historische Ausgangslage ist oft genug analysiert worden: Die sozialen Formationen, in denen organisierte communities leben, verlangen, ermöglichen aber auch zunehmend die strategische Ausrichtung von Lebensentwürfen. Das heiß nichts Anderes, als dass die Gesellschaft mit dem Gebrauch ihrer Werkzeuge lernt, Erfahrungen im Wege von Umwelt- und Selbstbeobachtung zunehmend zu rationalisieren, Intuitionen und Ambitionen in Handlungs- und Zielbildern abzufassen und, um diesen zu entsprechen, die Aufmerksamkeit auf energetische Ressourcen zu richten, aus denen solche Bewegungen möglich werden.
Ambivalenz des Wissens
Wissen ist eine solche Ressource, aus der unternehmerische und organisatorische Entwicklungen kausal wie kasual möglich sind. Berechnung (kausale Ausrichtung) und Entdeckung (kasuale Ausrichtung) sind Wissen schaffende Handlungsmodelle. Wissen ist eine biozentrische Ressource, die den Blick richtet und entscheidet.
Nach anderen, materiellen und industriell genutzten Quellen des erstrebten Reichtums richtet die nun auch bewusster an Nachhaltigkeit orientierte Wirtschaft/Gesellschaft die Erwartung zunehmend auf immaterielle und, wie man denkt, unerschöpfliche Ressourcen. Neben Kommunikation ist dies Wissen.
Die Welt beginnt und endet im Kopf. Dem Willen zur Organisation liegt eine nach dem Prinzip der Kausalität geformte Rationalität zugrunde, deren Entwürfe zur Verteilung von Gesellschaftlichkeit Formaten generalisierten Handelns gleichkommen. Diese mobilisieren das Lernen im Sinne des Vor-Denkens und der Vor-Bereitung. Sie strukturieren Zusammenhänge, ziehen Grenzen und geben Kontrollsicherheit.
Dem gegenüber ist das Leben intuitiv ausgerichtet an der Vernünftigkeit des Wachstums, die aber ordnungsbeliebig, ausufernd und anders, nämlich fehlerfällig (kasual) geprägt ist. Das Paradigma der Kasualität ermöglicht es erst, die Kategorie des Fehlens als Aufbauprinzip des Lebens zu verstehen: Lernen aus der Erfahrung der Möglichkeit des (Ver-)Fehlens. Die Kasualität des Lebens verlangt die Einarbeitung von Überraschung in die Strukturen der Erinnerung durch Nach-Denken und Nach-Ordnen.
Wissen ist eine Größe „beiderlei Geschlechts“, ist ambivalent. In ihm begegnen und ergänzen sich Kausalität und Kasualität, Ableitung und Fälligkeit, Begründung und Möglichkeit, Gründlichkeit und Grundlosigkeit. Im Gebrauch des Wissens wird die Gesellschaft ständig provoziert, einen Standort zwischen Selbstbeweis und Verwiesenheit zu finden.
Setzt sie auf das Prinzip organisationstypischer Rationalität, macht sie die Erfahrung, als Formatgesellschaft nur mehr sich selbst zu gefallen. Setzt sie auf das Fehlerprinzip, lernt sie möglicherweise das Fürchten vor ihren eigenen Irrtumsbildern. Wissen ist der mediative Fokus zwischen diesen beiden Polen, daher kein geschlossenes Modell, sondern ein kommunikatives Modell der Weltaneignung.
Begrifflichkeit des Wissens
Noch aber ist nicht so klar, welche Vorstellungen, Wünsche und Erfahrungen man in den Wissensbegriff bindet oder binden soll und welche man tunlichst ausschließt. Wissenstheorie und Wissenspraxis geben die unterschiedlichsten und auch widersprüchlichsten Auskünfte.
Die zu oft beschworene und gerade deshalb so trivialisierte Wissensgesellschaft operiert im Umfeld unternehmensstrategischer Analysen, theoretisch wie praktisch, mit einem ökonomisch ausgelegten Wissensbegriff („Wissensgut“) und scheint deshalb dazu verleitet zu sein, alles, was in der Stilisierungskette zwischen Daten, Information, Wissen und Kompetenz jenseits des Informationsstatus mit irgendwelchem (!) Nutzen zu rechnen sei, für - notabene! - verwertbares Wissen.
Die Praxis des Wertschöpfungsmanagements kann dieser offenen Rationalität nur schwer folgen, weil sie das, was sie Wissen nennt, in der Regel viel intuitiver – und vermutlich deshalb – viel restriktiver wertet. Während Wissen für die Theorie rechenbares Gut ist, ist es für die Praxis oft nur mehr Gut aus Berechnung.
Der Theorie zufolge ist Wissen kein akkumulierbares Gut, der Praxis zufolge wird oft sogar die nur fleißige, aber sonst stupide Registrierung und Rubrizierung von formatierter Erfahrung unter dem per se schon verdächtigen Stichwort Wissensbesitz eingeordnet. Zwischen einem kritischen, klassischen, empirischen, funktionalen oder normativen Wissensbegriff liegen noch Welten zu klären: Wodurch wird Erfahrung zu Wissen? Durch Deutung? Durch deutungs(un)abhängigen Sinn? Durch Wiederholung? Wodurch wird Sinn zu Wissen? Durch Glaube? Durch Erfahrung? Durch Kommunikation? Und: was tut (man mit) Wissen? Macht es reich, edel, stark, unabhängig, frei?
Klar ist, dass Wissen ein Begriff ist, der nicht nur auf Substanzinhalte verweist, sondern auch auf die kulturelle, politische oder ökonomische Instrumentierung von sozialer Realität. Wissen ist ein Größenbegriff der Weltdeutung, der im Rahmen zivilisatorisch organisierter Kommunikation zu einem Deutungsbegriff für (sozial inszenierte) Größe wurde. So wurde er immer und wird er immer noch (wieder) als Vergleichskriterium genutzt: Wissen versus Glaube, Wissenschaftswissen versus Alltagserfahrung, objektives versus subjektives Wissen, Rechenbarkeit gegen Zufälligkeit, Beweis gegen Vermutung, Rechnung gegen (das) Schicksal.
Neben der Funktion, Inhalte in einen Zusammenhang zu binden und in Logik zu ordnen, war es immer auch schon die (vermutlich sogar entscheidendere) Funktion des Wissensbegriffs, soziale (und implizit politische, ökonomische) Vergleichbarkeit zu ermöglichen und sozial zu regeln (Unterschiedlichkeit zu legitimieren). In diesem Sinne ist Wissen ein inhaltlicher wie sozialer Kompetenzmaßstab, eine Kategorie der Kommunizierbarkeit gesellschaftlicher Komplexität.
In der Produktion von Deutungen und im Austausch von Bedeutungen werden Sinn- und/oder Erfahrungszusammenhänge mit (funktionalen) Wertungen versehen. Desiderate des Überlebens werden zu Imperativen des sozialen Kampfes: Wissen ist wichtig, unumgänglich, für jedermann gültig, in jeder Lage entscheidend, macht dich besser, größer, mächtiger, über individuelle Lagen erhaben.
Wissen ist, ob nun kognitivistisch, szientistisch oder konstruktivistisch konzipiert, nichts Anderes als die auf einen Begriff gebrachte Erfahrung, dass durch Ordnungen, auch wenn und gerade weil diese gesellschaftlich kreiert und verhandelt werden müssen, komplexe Welten zu selektiv beherrschbaren Welten machen. Wissen bildet nicht eine jenseits von diesem vermutete Realität ab, sie bildet bestenfalls die soziale Bewältigung (Kommunikation) der möglichen Realität – und damit auch ihre impliziten oder expliziten Fehler – ab.
Kulturelle Herausforderung des Managements
Wenn so Wissen – noch einmal - als kommunikative, also deutungsstiftende Größe beschrieben wird, dann müsste Wissensmanagement, zumindest der systematischen Theorie folgend, die Praxis eines strukturell eingebetteten Handlungsmodells zur Thematisierung, Orientierung und Durchsetzung von Kulturen sein, in denen Deutungen und Bedeutungen von organisatorisch relevanten Erfahrungen über eine kommunikative (!) Ordnung nachvollzogen werden können.
Nun ist aber, verglichen mit dem Wissensbegriff, noch weniger klar, welche Vorstellungen, Wünsche und Erfahrungen man in den Kommunikationsbegriff bindet – oder besser ausschließt. Wenn Kommunikation alle Handlungen und Attitüden beschreibt, durch die Sinn wirklichkeitsstiftend verhandelt wird, dann sind darin nicht nur rationale, sondern eben auch viele irrationale Momente der gesuchten Verständigung impliziert.
Um es noch deutlicher auf den Punkt zu bringen: Das kommunikative Moment des Wissens macht die Linearität der Rationalität obsolet. Nichts ist linear vorherwissbar.
Der Intention nach Beständigkeit der Wissenskörper widerspricht die Fluidität der Inhalte und Formen, die sich den Umwelten anpassen. Nichts von dem, was man weiß, bleibt, wie man es weiß. Deshalb kann sich Wissensmanagement nicht auf ein simples technisches Modell der Administration von Rationalität (Informationskörper, Informationsströme, rationaler Habitus von MitarbeiterInnen) beschränken, sondern muss für die Entwicklung, Entfaltung und Implementierung kultureller Symbolwelten in Organisationen und Unternehmungen sorgen, durch die generell ein offenes Klima für Werte diskursiver und dialogischer Kommunikation honoriert wird.
In einer solchen Umwelt macht es dann auch (erst) Sinn, organisationstechnische Strukturen der Wissensorganisation zu etablieren. Denn der Erfolg von Techniken hängt davon ab, ob und in welche Kultur sie eingebettet werden.