Die Positionierung Europas in der Wissensgesellschaft ist ein zentrales strategisches Ziel. Doch wenig wurde erreicht, nicht zuletzt weil Wissen – Wert, Prozesse, Voraussetzungen - noch kaum verstanden wurden. Knowledge Management Austria entwickelt gemeinsam mit dem IHS und der Karl Franzens Universität eine Wissensbilanz Österreich als Steuerungs- und Kommunikationsinstrument für eine integrierte Wissenspolitik.
Lissabon-Strategie
Im März 2000 beschloss der Europäische Rat in Lissabon das strategische Ziel, die EU bis 2010 zum dynamischsten und wettbewerbsfähigsten, auf Wissen basierenden, Wirtschaftsraum zu entwickeln. Zugleich wurden der Europäische Forschungs- und der Europäische Hochschulraum ins Leben gerufen. Mit den Barcelona-Zielen (2002) bekräftigte der Europäische Rat diese Strategien.
Um diese Ziele zu erreichen wurden von der EU-Kommission mehrere Aktionspläne ausgearbeitet und Strategiepapiere veröffentlicht. Darin werden sehr umfangreiche Maßnahmen empfohlen, die sich hauptsächlich auf bessere Rahmenbedingungen und Anreizsysteme für Forschung und Entwicklung sowie die Koordinierung von Forschungspolitik beziehen. Im "Österreichischen Barcelona-Report 2003" bricht das BMBWK die Barcelona-Ziele auf die nationale Ebene herunter und der Rat für Forschung und Technologieentwicklung entwickelte im Sinne der EU-Ziele einen Nationalen Forschungs- und Innovationsplan.
Für die Umsetzung all dieser Strategien werden in der Regel quantitative Ziele vereinbart, deren Erreichung mit internationalen Benchmarkings oder Scoreboards verfolgt werden (z.B. European Innovation Scoreboard, European Research Area Scoreboard, EU-Strukturindikatoren). Dies erfolgt jedoch i.d.R. für die einzelnen Bereiche (Hochschulbildung, Forschung, Wirtschaft, Arbeitsmarkt) getrennt und lediglich in Einzelfällen wird systemübergreifend vorgegangen, so z. B. wenn Industry-Science-Relationships diskutiert (OECD) oder in der Wissenschaft Nationale Innovationssysteme (Nelson) oder die Triple Helix Universität-Industrie-Verwaltung (Etzkowitz/Leydesdorff) analysiert werden.
"Wissen" – verstanden als geistiges, aber auch kulturelles und soziales Potenzial – wird sowohl in den EU-Strategien als auch in den theoretischen Analysen als die zentrale gesellschaftliche Ressource angesehen. Für die Bewertung und Darstellung von Wissen existiert allerdings bis dato kein Standardverfahren. Um dem ganzheitlichen Charakter der Thematik Wissen gerecht werden zu können, reicht es nicht, Themen (Bildung, Forschung ...) singulär bzw. aus einem bestimmten disziplinären Blickwinkel (GSK oder auch Ökonomie, Technologie ...) zu untersuchen. Gefragt ist eine umfassende Darstellung von Wissen und intellektuellem Vermögen, basierend auf einem Konzept, welches von Wissenschaft, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam entworfen wird.
Nationale Wissensbilanzen
Mittels sogenannter Wissensbilanzen wurde in der jüngenen Vergangenheit auf verschiedene Weisen versucht, Wissen zu erfassen und zu bewerten. Anders als der ökomomische Terminus "Bilanz" nahe legt, geht es nicht nur um die Erfassung des Status Quo des vorhandenen Wissens. Denn die Erstellung einer Wissensbilanz erforder klare Zieldefinitionen und eine kohärente Strategie zu deren Erreichung. Wissensbilanzen sind somit vor allem ein Instrument der Strategiebildung, der Steierung und der Öffentlichkeitsarbeit. Die Stärke von Wissensbilanzen besteht gerade in der Kohärenz unterschiedlicher Formen von Wissen, AkteurInnen und Lebensberiechen. Wissensbilanzen sind damit per definitionem transdisziplinär (bzw. sollten sinnvolllerweise als solches angelegt sein).
Österreich hat zum Thema Wissensbilanz sowohl wissenschaftlich (Koch, Schneider, Bornemann, Biedermann, Leitner ...) als auch praktisch (z. B. Wissensbilanzen der ARC, DU Krems, ÖNB, Universitäten lt. UG2002) eine Pionierrolle. Diese Position soll durch ein breit angelegtes Projekt Wissensbilanz Österreich verstärkt werden, das von KMA, dem IHS und der Karl Franzens Universität durchgeführt wird.
Der Nutzen einer nationalen Wissensbilanz liegt in der Integrations- und Orientierungsfunktion für ein nationales Wissensmanagement. Über die Definition von Kernkompetenzen werden Ziele und Strategien formuliert, die zu einer nationalen Profilbildung beitragen, was insbesondere in Zeitvergleichen und internationalen Benchmarks über die herkömmlichen Gegenüberstellungen weit hinausgeht.
Die zentrale Frage ist, wie und unter welchen Bedingungen eine Wissensbilanz als Steuerungs-, Koordinations- und Kommunikationsinstrument für nationales Wissensmanagement eingesetzt werden kann, welche Elemente eine nationale Wissensbilanz enthalten muss, um breite Akteursgruppen zu repräsentieren. Gerade um dem breiten Spektrum an Anforderungen gerecht zu werden, wird ein transdisziplinärer Entwicklungsansatz gewählt. Transdisziplinär ist Forschung dann, wenn neben mehreren wissenschaftlichen Disziplinen auch Anwender und Anspruchsgruppen an der Entwicklung aktiv partizipieren, wofür insbesondere Methoden des Tacit Knowledge Management bestens geeignet sind. Wir sind der Meinung, dass die Methode den Schlüssel bietet, um zu einem wirkungsvollen und nachhaltigen Instrumentarium zu kommen.
Transdisziplinäre Forschungsmethoden und Projekt-Wissensbilanz
Der Prozess ist stark von partizipativen Methoden der Meinungsbildung, der Teamkreativität sowie der Bewertung geprägt. Den eher diskursiven Methoden wird eine eigene Projekt-Wissensbilan zur Seite gestellt, um das Spannungsfeld zwischen "weichen" Meinungen und "harten" Fakten konstruktiv zu nutzen.
Gesellschaftlicher Wert des Wissens – mehr als Wettbewerbsfähigkeit
Auf der Basis von allgemeinen Werten und Visionen, aktuellen Trends sowie einem nationalen Profil werden wünschenswerte Wirkungen von Wissen auf Gesellschaft, Unternehmen, Institutionen und die Einzelnen entwickelt. Wissen wird dabei neben der für Unternehmen vordringlichen Wirkung der Wettbewerbsfähigkeit (und damit der Überlebensfähigkeit) möglicherweise auch eine Reihe anderer existentieller Wirkungen nach sich ziehen, die die Lebensfähigkeit der Menschen und der Gesellschaft beeinflussen. Die Übertragbarkeit eines für Unternehmen entwickelten Modells soll hier in einem breiten Dialog – unter besonderer Berücksichtigung der geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Dimensionen von Wissen – hinterfragt werden.
Das Forschungsprojekt soll geprägt sein von einer breiten Beteiligung der KM Community. Wir haben hier die Möglichkeit, unsere Erfahrungen für die Community "Österreich" produktiv zu nutzen.