Der Bedarf einer Staatsorganisation an IT-Lösungen ist immens groß: alleine die europäische eGovernment-Initiative umfaßt für die BRD ca. 400 Dienstleitungen und ein Budget von 1,65 Mrd EURO. Der Staat besteht aus vielen beschaffungsautonomen Einheiten, die extrem schwer für eine gemeinsame IT-Vision zu motivieren sind. Die nicht zu reduzierende Menge an IT-Projekten führt schnell zu Ideenreichtum, Verständigungsdifferenzen, Wiederholungsarbeiten und Inkonsistenzen und Schnittstellenreparaturen.
Ein probates Mittel große Projekte, Visionen auf gemeinsame Ziele auszurichten ist das mediatisierende Programmmanagement, die Ausrichtung vieler Projekte und vieler Interessenlagen auf ein gemeinsames Ziel. Das Fundament des Erfolges ist allerdings ein Paket zugrundeliegender Standards. Zu einem solchen Standard wurde in den vergangenen Jahren das V-Modell.
Gute Gründe
Das V-Modell ist ein umfassendes Prozessmodell für die Planung und Durchführung der Systementwicklung in IT-Projekten, ein Modell aller erforderlichen Tätigkeiten und Ergebnisse eines IT-Projekts. Das erste V-Modell wurde 1991 im Auftrag der Bundesverwaltung der Bundesrepublik Deutschland für die Entwicklung militärischer IT-Systeme zum „Allgemeinen Umdruck“, um Erfolgswahrscheinlichkeit, Qualität und Wartbarkeit zu steigern.
Mit der zweiten Version, dem V-Modell 97, erweiterte sich der Anwendungsbereich auf alle zivilen Bundesbehörden in Deutschland. In Österreich wurde eine angepasste Version als IT-Bundesvorgehensmodell (IT-BVM) eingeführt. Mittlerweile wird das V-Modell europaweit von einer Vielzahl von privatwirtschaftlichen Unternehmen und Behörden erfolgreich eingesetzt.
Seit 1997 hat sich die IT-Welt rasant weiterentwickelt. Neue Technologien, Methoden und Verfahren sind zu bewährten hinzugekommen und die Kombinationsmöglichkeiten sind kaum noch zu überblicken, geschweige denn einer Lösung zuzuführen. Das Projektteam um Prof. Dr. Manfred Broy, TU-München und Prof. Dr. Andreas Rausch, TU-Kaiserslautern haben sich im Auftrag des Deutschen Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, der gestiegenen Komplexität der IT-Lösungen angenommen und das neue V-Modell XT, Version 0.9, im November 2004 veröffentlicht.
Der Aufbau
Wie schafft man es, eine höhere Komplexität einfacher handhabbar zu machen? Anstelle monolithischer Submodelle, stehen jetzt aufeinander aufbauende Vorgehensbausteine. Der Vorgehensbaustein ist die neue zentrale Einheit im V-Modell XT und die zentrale Einheit des Tailoring. Ein Vorgehensbaustein enthält alle Produkte, Aktivitäten und Rollen, die unter Tailoring-Gesichtspunkten inhaltlich zusammen gehören. Ein V Modell-Anwender kann das V Modell projektspezifisch anpassen, ohne dass er die in den einzelnen Bausteinen enthaltenen Aktivitäten, Produkte und Rollen bereits im Detail verstanden haben muss. Dabei konnte das Leistungspektrum des V-Modell XT noch erweitert werden, um:
- eine getrennte Sicht von Auftraggeberseite und Auftragnehmerseite • die Entwicklung von komplexen Systemen aus Hardware und Software
- Migrationsprojekte
- die Planungsphasen, sowie die Ausschreibung von IT-Systemen.
- Inbetriebnahmephase, Betriebsphase, Wartung und Pflege, und Außerbetriebnahme
Die im Lieferverhältnis stehenden Projektpartner Auftraggeber und Auftragnehmer können mittels der für ihre Projektsicht relevanten Vorgehensbausteine planen. Beide V-Modell-Projekte (Auftraggeberprojekt und Auftragnehmerprojekt) wirken über die definierten Schnittstellen-Prozesse zusammen. Die neuen Vorgehensbausteine und ihre Produkte für die Auftraggeber-Auftragnehmer-Schnittstelle sind in der Grafik dargestellt.
Das V-Modell bietet sowohl eine Unterstützung für private Auftraggeber, die hohe Freiheitsgrade in der Wahl ihrer Lieferanten haben, als auch für öffentliche Auftraggeber, die durch das öffentliche Vergaberecht gebunden sind. Das V-Modell unterstützt mit vielen Hinweisen und Verweisen auf Vergaberegeln eine korrekte, rechtssichere Ausschreibung und Vergabe. Zu diesem Vorgehensbaustein gehören bspw. die Produkte Ausschreibungskonzept, Ausschreibung, Kriterienkatalog für die Angebotsbewertung, Angebot, Angebotsbewertung, Vertrag, Vertragszusatz, Lieferung, und Abnahmeerklärung.
Bewährtes vom V-Modell 97 wurde übernommen, sodass bestehende V-Modell 97-Derivate zum V-Modell XT kompatibel bleiben. So ist auch Transparenz einer Migration zum V-Modell XT gewahrt. Für etablierte den Entwicklungsprozess unterstützende Verfahren wie z. B. RUP, CMMI, ISO 9000 u.a. ist die Kompatibilität hergestellt.
Der Nutzen
Die Beschreibung des V–Modell XT steht in einer kostenlosen Version zusammen mit einer (in Zukunft noch weiter ausgebauten) Vorlagensammlung, mit einem Customizing –Tool zum Download unter www.v-modell200x.de zur Verfügung.
Alles in allem entstehen dem Anwender eine Reihe von Vorteilen unabhängig ob er Auftraggeber, Auftragnehmer oder Sub-Lieferant ist:
- Minimale Entwicklungskosten für ein eigenes Vorgehensmodell und weniger Planungsaufwand bei der Planung des Gesamtprojekts
- verringerter Steuerungsaufwand im Vergleich zum bisherigen V-Modell
- klare Regeln für die Zusammenarbeit und Verantwortlichkeiten
- Minimierung der Projektrisiken und Verbesserung der Qualität
- Bessere Zuordnung und Kontrolle der Kosten über den gesamten
- Systemlebenszyklus
- Das Wichtigste aber ist die Verbesserung der Kommunikation zwischen allen Beteiligten zur Führbarkeit von Großprojekten erforderliche Transparenz
Bis Mitte kommenden Jahres wird das V-Modell in einer englischsprachigen Version aufgelegt, was den Einsatz in europäischen Projekten ermöglicht. In Ermangelung eines alle IT-Projektypen umfassenden gemeinsamen europäischen Standards darf eine große Verbreitung erwartet werden. Mit der Verwendungsverpflichtung für Behördenprojekte ist die Fortsetzung des Quasi-Standard „V-Modell“ garantiert. Bleibt zu wünschen, dass dieses mal die Beratungsqualität durch ein Zertifikat sichergestellt werden kann.
Informationsveranstaltung zum neuen V-Modell XT
Am 27. Januar 2005 lud die die KMA unterstützt durch den „Arbeitskreis V-Modell der Fachgruppe Vorgehensmodelle in der Wirtschaft“ der Gesellschaft für Informatik und der OCG, zu einer kostenlosen Präsentation mit Prof. Dr. Andreas Rausch und Stephan Höppner , Mitglied des Reviewboard, ein.