"Herr Krennmair, HP ist weltweit und auch in Österreich als Vorzeigeunternehmen für praktiziertes Wissensmanagement bekannt. Nun kann man wohl davon ausgehen, dass das Profil von Unternehmen ganz stark durch die Einstellung und das Verhalten der Top-Manager geprägt wird. Wir würden daher gerne ihren persönlichen Zugang zum Wissensmanagement kennenlernen".
Warum ist Wissensmanagement für Sie wichtig?
"Es gibt für mich viele Gründe, Wissensmanagement ernst zu nehmen. Einer davon ist die Notwendigkeit, in einem hochkompetitiven Umfeld zu einer guten Kostenstruktur zu kommen. Das Ignorieren von vorhandenem Wissen ist nicht nur theoretisch unvernünftig, sondern in der Praxis einfach zu teuer.
Als Beispiel dafür nenne ich den Ablauf der Konzeption und des Anbietens von umfassenden Beratungs- und Integrationsleistungen. Das ist ein Prozess, der den Einsatz hochqualifizierter Menschen erfordert. Jede Stunde, die dafür verwendet wird, etwas zu konzipieren, was es eigentlich anderswo schon gibt, ist vergeudet.
Ein zweites starkes Argument ist der Beitrag des WM zum Erlangen von organisatorischer Anpassungsfähigkeit. Das Wissen über Kunden, Mitbewerber, Leistungen von Partnern, Markttrends hilft uns, unsere Prozesse und Strukturen so zu adaptieren, dass es strategisch passt.
Mein erster Kontakt mit angewandtem WM – damals nicht unter dieser Bezeichnung - fand übrigens bereits 1986 statt. Schon damals bediente man sich bei HP im technischen Kundendienst gut strukturierter Datenbanken zur raschen Erkennung und Behebung von gemeldeten Fehlern. Die Aufzeichnung von „Failure-Histories“ war und ist in diesem Bereich ein unentbehrliches Werkzeug."
Lässt sich der Nutzen von WM für sie auch quantitativ messen?
"Das ist gerade in den oben genannten Beispielen recht einfach: Wir können die durch WM eingesparten Stunden abschätzen; und wir wissen, was die Stunden kosten."
Wie fördern und honorieren Sie Beiträge zum Wissensmanagement?
"Hier möchte ich nur zwei Beispiele nennen:
Einmal im Quartal heben wir die Leistungen von Mitarbeitern hervor, die in den Bereichen „Kundenzufriedenheit“ oder „Wissensmanagement“ - zwei Bereiche, die übrigens sehr viel miteinander zu tun haben! - besondere Leistungen erbracht haben. Diese Mitarbeiter werden öffentlich geehrt und damit als „Role Model“ sichtbar gemacht.
Das zweite Beispiel betrifft die Nachbetrachtung von abgewickelten Projekten. Im Zuge von „Lessons Learned“ erfassen wir dabei wertvolles Wissen, das wir für zukünftige Projekte brauchen. Wo immer möglich, nehme ich an diesen Sessions persönlich teil. Und zwar weniger als Experte, sondern insbesondere als Signal für die Wichtigkeit dieses Vorgangs. Und natürlich auch für mein persönliches Wissensmanagement!"
Welchen Stellenwert hat WM im Rahmen der Mitarbeiterbeurteilung- und entwicklung?
"Für unsere „Wissensarbeiter“, z. B. Projektmanager, Consultants, gibt es konkrete Wissensziele. Sie werden auch daran gemessen, wie intensiv sie Wissenselemente ihren Communities zur Verfügung stellen, und in welchem Ausmaß sie bestehendes Wissen für ihre Arbeit nutzen. Das hat einen direkten Einfluss auf die Produktivität der gesamten Gruppe. Da treffen sich Businessziele und persönliche Vorgaben ganz direkt."
Wenn man Sie und Ihre Managementkollegen bei der täglichen Arbeit beobachtet: Woran würde man erkennen, dass HP für sein Wissensmanagement berühmt ist?
"Zum Beispiel würde man beobachten, dass wir im Zuge unserer Arbeit immer wieder praktische Plattformen für den Austausch von strategischer Information verwenden. Das betrifft z. B. die Sichtung und Bearbeitung von Businessplänen und Businessreviews. Darüber hinaus haben wir eine zentrale Dokumentation aller Verbesserungsprojekte. Damit bleiben diese auch im Zentrum unserer Aufmerksamkeit und können gut bearbeitet werden.
Als letztes Beispiel möchte ich hier anführen, dass ich die Verantwortlichen für Wissens- und Qualitätsmanagement in mein Management-Team aufgenommen habe. Damit sichere ich die ständige Zweiwegkommunikation zwischen WM und dem Business."
Welche Aufgaben sind in Bezug auf Wissensmanagement demnächst für Sie zu bewältigen?
"Der mit WM verbundene Dokumentationsaufwand ist beträchtlich. Die Pflege und Aktualisierung muss kostengünstig bleiben um den Aufwand zu rechtfertigen. Hier arbeiten wir an einer intelligenten Arbeitsteilung zwischen „Juniors“ und „Seniors“. Die Juniors könnten einen Teil der Dokumentationsaufgaben erfüllen und dabei durch den Kontakt mit „seniorem Wissen“ wichtige Impulse für ihre eigene Entwicklung bekommen."
Was tun Sie außer der Teilnahme an Lessons Learned für Ihr persönliches Wissensmanagement?
"Ich beziehe eine Fülle von wertvollem Wissen aus diversen Netzwerken, in denen ich mich bewege. Das sind einerseits natürlich firmeninterne Netzwerke, die in einem global agierenden Unternehmen wie HP sehr anregend sein können.
Anderseits sind das ganz bewusst wahrgenommene Kontakte mit Kunden, Lieferanten, Mitbewerbern. Eine wichtige Funktion hat auch meine Rolle als Mentor für junge Mitarbeiter, die in ihrer Entwicklung besonders gefördert werden sollen. Durch die Auseinandersetzung mit den Fragen dieser jungen Menschen habe ich auch Gelegenheit zum Hinterfragen meiner eigenen Positionen. Das ist nicht immer ganz einfach, aber es hält frisch!"
Wenn ein Top-Manager aus einem anderen Unternehmen Sie um einen Ratschlag bittet, was man zur Etablierung von WM tun sollte - war würden Sie ihr/ihm empfehlen?
"Bei aller Vorsicht bezüglich Ratschlägen würde ich wahrscheinlich zweierlei sagen: Erstens: Messe und belohne die konkrete Wirkung von Wissensmanagement.
Zweitens: Sei dir deiner Vorbildwirkung in Bezug auf WM bewusst und gib dem Thema durch dein Handeln Wichtigkeit!"
Herr Krennmair, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!