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Günter Koch, Von Stätten zu Städten des Wissens 
 


Wissen ist als kommunizierte und interpretierte Information etwas Lebendiges, es entsteht im Austausch zwischen den Menschen. Was liegt also näher, als die Attraktivität von Städten anhand der Möglichkeit zum Wissensaustausch zu beurteilen?

Einleitung
Kaum ein Begriff wird aktuell so strapaziert wie Wissen – und kaum ein Begriff ist so unverstanden und so ungenau definiert. Schnell assoziieren wir, dass der Inhalt unseres Kopfes Wissen sein muss. Wissen ist aber eher ein Entwicklungsprozess als eine „Substanz“, die uns mit dem Trichter eingefüllt wird, oder, um es metaphorisch zu sagen: ein Verb statt eines Substantivs. Wissen will erworben, gepflegt, erweitert, kommuniziert, oder ausgetauscht sein.

Wissen ist nicht nur Information, sondern interpretierte und behandelte Information, die sich als etwas ebenso Lebendiges verstehen lässt, wie es eine Zelle unseres Körpers oder ein ganzer Organismus ist. Ein wenig weiter gedacht kann es nicht nur individuelles, also „mein“ Wissen geben, sondern das Wissen ganzer „Körperschaften“, also Kollektiven von Menschen. Man spricht dann von organisatorischem, gesellschaftlichem oder gemeinschaftlichem Wissen.

Virtuelle Wissensvermittler
Ohne Diskussion haben wir es bislang für das Selbstverständlichste gehalten, dass die dafür geschaffenen „Anstalten“ der Wissensvermittlung ein Monopol darauf besitzen: Schulen, Kindergärten, Hochschulen, Universitäten und ggf. die Medien, sofern sie sich als Bildungsvermittler verstehen. An der Spitze der Gemeinschaft von Wissens-Erschaffern und Wissensarbeitern wurde bislang der/die WissenschaftlerIn erachtet, der/die gewöhnlich an einer „Stätte des Wissens“, also an einer Universität oder in einem Forschungsinstitut tätig ist. Synchron mit dem Durchdringungsgrad des Internets verändern sich diese Strukturen. Man spricht derzeit von virtuellen Schulen oder Fakultäten, die es ihren Studierenden ermöglichen, unabhängig von einem fixen Stundenplan oder einer festen inhaltlichen Präsentation wie z. B. einem Buch, sich Wissen „reinziehen“ zu können.

Wen es interessiert und wer einen iPod als Wiedergabegerät besitzt, kann die Probe aufs Exempel machen und sich aus dem Internet ganze Vorlesungen in das Gerät übertragen und so ein Studium „im Schlaf“ erledigen. Leser von SOCIETY – Nomen est Omen – haben den Widerspruch längst erkannt: Wenn Wissen ein lebendiger Prozess ist, dann ist dieser nur lebensfähig, wenn Wissen zwischen Menschen kommuniziert wird, und Menschen ersetzt der beste Computer nicht, auch nicht der Austausch via Internet. Als Menschen sind wir darauf „programmiert“, uns immer wieder auch menschlich und angreifbar zu begegnen. Die neue Frage ist nur, wo und wie und in welchem Ambiente? Die alte Universität hat deshalb noch längst nicht ausgedient, ist aber auch nicht mehr der einzige Hort des Wissensaustauschs.

Gipfelkonferenz der Wissensstädte
Derzeit entwickeln und profilieren sich urbane Agglomerationen als „Wissensstädte“. Waren es bislang der Stadtplan, die Gebäude und ihre Architekturen, die Kultureinrichtungen, die Anmutung und das Image, die eine Stadt attraktiv machten, nimmt man seit wenigen Jahren wahr, dass es für die Qualität einer Kommune mindestens ebenso darauf ankommt, ob in einer Stadt wissende Menschen leben und diese aktiv am Wissensaustausch teilnehmen. Letzten Herbst fand im mexikanischen Monterrey die erste „Gipfelkonferenz der Wissensstädte“ statt, von wo aus ein Wettbewerb (unter der Wortmarke MAKCi) unter den besten als solche wahrgenommenen Wissensstädte gestartet wurde.

Bemerkenswert daran ist die höchst systematische Analyseprozedur, nach der die internationalen Juroren vorzugehen haben. Sie sollen ermitteln: das „Identitätskapital“, das „Wissenskapital“, ob eine finanziell sichere Basis existiert, die Qualität der Beziehungsgeflechte, das Wissensvermögen des einzelnen Bürgers und von Bürgerkollektiven, die materielle Basis in Form von Bauten und Straßen sowie das „Fähigkeitskapital“ von Bürgern und der Verwaltung. Und alle diese Aspekte sind hinsichtlich der Lebendigkeit in ihrem Zusammenwirken zu untersuchen.

Wissen ist ein Prozess, kein Status
Nach jahrelangen Diskussionen würde ich mir heute trauen zu definieren, was Wissen ist, auch wenn ich diesen Versuch eingangs in Zweifel zog: Wissen ist ein Prozess, in dem ich verschiedene Sachverhalte, Aspekte und Empfindungen in einen immer neuen Beziehungszusammenhang stelle und somit „die Welt“ kontinuierlich neu interpretiere. Wissen hat nichts mehr mit der buchhalterischen Verwaltung eines Wissensvorrates nach dem Muster eines Lexikons zu tun, sondern viel mehr mit dem Kombinieren und Rekombinieren von Wissenselementen als Erklärungselemente einer – auch deshalb – immer komplexer werdenden Welt.

Auch in der Millionenshow ist weniger die richtige Antwort als solche spannend, sondern wie der/die KandidatIn sich zur Antwort müht, wann und wie der/sie den Joker wählt und wie Publikum oder Auskunftgeber mit dem/der KandidatIn interagieren. Gibt es eine bessere Metapher als eine ganze lebendige (Wissens) Stadt, wie es z. B. Wien ist, die dieses Verständnis von Wissen verbildlichen könnte?