Die Bewertung von immateriellem Kapital ist zum Thema der Europäischen Union geworden. Die vielen Ansätze der Bewertung sollen zu einem gemeinsamen Standard zusammengeführt werden. Davon ist man aber noch weit enfernt.
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Auch wenn wir uns in Österreich das Verdienst zuschreiben können, das Thema "Intellectual Capital Reporting" (Wissensbilanz) auf das Niveau einer gesetzlichen Vorschrift, nämlich als Paragraph des Universitätsgesetzes, gehoben und damit als erstes Land eine Verpflichtung zur transparenten Analyse und Bewertung von wissensproduzierenden Organisationen eingerichtet zu haben, ist nicht zu übersehen, dass sich weltweit andere Länder intensiv bemühen, sich auf dem Gebiet der Wissensökonomie zu profilieren und daraus ihre zukünftige Wettbewerbsfähigkeit zu beziehen.
Die Europäische Kommission, als politisches Organ getragen von den sie konstituierenden Ländern, hat zu Beginn ihrer Legislaturperiode 2000 in Lissabon und zur "Halbzeit" 2002 in Barcelona für alle ihre Mitgliedsländer die Verpflichtung ausgesprochen, Europa innerhalb von zehn Jahren zur führenden Wissens-Volkwirtschaft auf dem Globus zu machen. Der Präsident der Kommission hat am 6. April 2004 im Rahmen einer Wissenschaftskonferenz des Europäischen Parlaments selbstkritisch angemerkt, dass das Erreichen dieses Zieles weiterhin größter Anstrengungen bedarf und dass, aus heutiger Sicht, der bisher erreichte Stand und die Beobachtung der verfügbaren Benchmark-Kenngrößen – an der Spitze die Quote von 3 % von Forschungsinvestitionen über ganz Europa gemessen am Bruttosozialprodukt - Anlass zu größter Sorge gibt, dass die Europäische Union gegenüber Ihren Konkurrenten USA/Nordamerika, Japan und dem pazifischen Cluster weiter zurückfallen wird.
Die OECD hat in diversen Konferenzen und Studien, so z.B. 2001 in Berlin zum Benchmarking von wissensbasierten Organisationen, das Thema markiert und publik gemacht und damit auch Drittländern die Motivation vermittelt, sich mit Maßnahmen zur Schaffung von Wissens-Systemen in Gesellschaft und Wirtschaft auseinander zu setzen.
Methodische Fragestellungen
Sofern sich staatliche und Staaten-Körperschaften dem Thema Wissens-Ökonomie widmen, sind sie daran interessiert, für länderübergreifende Benchmarks geeignete Kenngrößen miteinander in Bezug zu setzen. Die Europäische Union beispielsweise hat einen „Innovationsanzeiger“ geschaffen, in dem die von den nationalen statistischen Ämtern erhobenen oder erhebbaren Gesamt-Indikatoren wie z.B. Studien-Abschlüsse und -Grade, relative Aufteilung auf Studienfächer, Patente, PC- und Internetverbreitung usw. länderweise darstellt und damit relative Stärken und Schwächen sichtbar macht.
Laut Prof. Manfred M. Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften/Wirtschaftsuniversität Wien stellt sich auf dem Niveau von Gebietskörperschaften, Regionen und Nationen die Frage der „Wissensprofilierung“ als ein Teilgebiet der volkswirtschaftlichen Analyse dar und hat mit volkswirtschaftlichen Methoden erledigt zu werden. Auf diesem Fundament sind „große“ Profilierungen der Wissenssituation in Gebieten sogar leichter zu erstellen als „von unten“ durch Beobachtung vieler einzelner Unternehmen.
Demgegenüber verfolgten und verfolgen bis dato de facto staatlich und von Kammern und Industrieverbänden geförderte Projektverbünde eher eine Strategie der „Wissensprofilierung durch Wissensbilanzierung“ auf der Ebene von Unternehmen oder (mikroökonomisch definierbare) Organisationen. Hier ist der Grundgedanke, dass sich Unternehmen bezüglich Ihrer „Wissensleistungen“ miteinander in Vergleich setzen wollen.
Gleichzeitig ist man aber seitens staatlicher oder Verbände-Körperschaften daran interessiert, aus den Profilen der einzelnen Unternehmen durch Indikatoren-Aggregation und (gelegentlich fragwürdigen) Extrapolationen zu „größeren“ Skizzierungen über die Wissensverfassung der eigenen Wirtschaft zu gelangen. Einen solchen Ansatz verfolgt derzeit ein Cluster nordischer Länder in einem Projekt, zu dem man Näheres unter http://nhki.si.is/ finden kann. Evident ist, dass die Merkmalsidentifikation von wissensproduzierenden Organisationen einerseits und von Kollektiven solcher Organisationen einen methodischen Abgleich zwischen der makroökonomischen und der mikroökonomischen Ebene bedingen wird.
Eine zweite Frage, deren Beantwortung nach dem heutigen Stand der Wissenschaft und Erkenntnisse noch in weiter Ferne liegt, ist der kausalistische bzw. logische Zusammenhang einerseits von Indikatoren zur Beschreibung des „Wissenwertes“ von Organisationen bzw. volkswirtschaftlich definierten Clustern und andererseits monetären und finanziellen Kenngrößen.
Länder mit besonderer Affinität zum Thema Wissensmanagement / Wissensbilanzierung
Neben den nordischen Ländern sind es vor allem die technologisch führenden bzw. am stärksten aufstrebenden Regionen, die sich aktiv mit dem Thema Wissensmanagement und Wissensbilanzierung auseinander setzen. Neben Nordamerika (USA / Kanada) sind dies vor allem: Australien, Deutschland, Schweden und Israel. Australien hat z.B. einen nationalen Standard zum Gebiet „Wissensmanagement“ geschaffen und verpflichtet seine Hochschulen, sich mit dem Thema auszustatten. In Deutschland laufen derzeit (mindestens) zwei Projekte - das eine mit Namen KAM-Sys, das andere unter Regie des Fraunhofer-Instituts IPK - jeweils mit Förderung des deutschen Forschungsministeriums; beide Projekte haben fast gleichlautend das Ziel, kleine und mittlere Unternehmen in eine Strategie zur Bewusstmachung des Themas „Wissensmanagement“ via Wissensbilanzierungen zu involvieren. In Österreich wird mit einem Projekt unter der sog. protecINNO-Förderung des BMWA ab 2005 ein vergleichbarer Ansatz verfolgt. Die Federführung liegt in diesem Projekt bei Knowledge Management Austria.
Initiativen auf europäischer Ebene
Der „Club der großen, angewandten Forschungseinrichtungen in Europa“ wie z.B. Fraunhofer, VTT, TNO usw., die sich unter der Bezeichnung „EUROTECH“ zusammengefunden haben und untereinander abstimmen, hat einen Arbeitskreis eingerichtet, der sich zum Ziel gesetzt hat, einen Wissensbilanzierungsstandard für diese Forschungsorganisationen zu schaffen und mit der Europäischen Union zu akkordieren. Korrespondierend dazu will die EU einen über die drei Generaldirektorate „Industrie“, „Unternehmen“ und „Forschung“ koordinierten Arbeitskreis zum Thema „Wissensbilanzierung“ aus der Taufe heben und noch 2004 starten.
In einem vorbereitenden Treffen im August 2003 in Alpbach wurden dazu die wesentlichen Absprachen getroffen: (1) Keine neuen Wissensbilanzierungs-Methoden mehr entwickeln, sondern aus dem bekannten Methodenvorrat heraus diejenigen konsolidieren, die zukünftig zum Einsatz kommen werden, (2) Kommittierung an die Strategie der EU, a) die eigenen Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und b) dem Ziel, die global führende „Wissenswirtschaft“ zu werden, näher zu kommen, (3) die Benchmarkbarkeit im Sinne der Positionsbestimmung der europäischen Wirtschaft in Sachen „Wissens-Wirtschaft“ zu ermöglichen.