Wissen Sie, wie es kommt, dass der langjährige Geschäftsführer quasi aus dem Bauch heraus richtige Entscheidungen trifft, ohne seinem Kompagnon sagen zu können, wie er das macht? Könnten Sie aus dem Stand heraus erklären, wie Sie die Schaltung in Ihrem Auto bedienen? In Situationen wie diesen spielt unausgesprochenes Wissen, implizites Wissen, die Hauptrolle.
Erfahrungswissen ist schwer kommunizierbar
Nach Polanyi stellt das implizite Wissen jenen Teil des Wissens dar, der nicht vollständig an Worten ausgedrückt wird oder ausgedrückt werden kann. Es umfasst Wissen und Können.
An sich stellt die Explizierung von implizitem Wissen schon einen Widerspruch in sich dar, da implizites Wissen ja genau dadurch gekennzeichnet ist, dass es nicht oder nur sehr schwer zu explizieren ist. Mit implizitem Wissen ist Erfahrungswissen gemeint, das oft nur schwer kommunizierbar ist. Dennoch gibt es einige Hilfestellungen, wie implizites Wissen expliziert und auf dieser Basis an andere weitergegeben werden kann. Darüber hinaus gibt es Methoden, die andere Personen bei der Explizierung ihres impliziten Wissens unterstützen. Voraussetzung für beides ist natürlich jeweils, dass der Träger des impliziten Wissens auch dazu bereit ist, sein Wissen preiszugeben – ansonsten kann keine Methode helfen.
Das eigene implizite Wissen sichtbar machen
Implizites Wissen ist in der Regel sehr komplex und wird auch sehr stark von Intuition und langjähriger Erfahrung beeinflusst. Von daher gilt in diesem Punkt immer die Hauptregel: Der „alte“ und der „neue“ Wissensträger müssen zusammenkommen – am besten persönlich.
Folgende Regeln können dabei helfen.
- Relevante Dinge vormachen und nachmachen lassen. Um überhaupt zu erkennen, in welchen Bereichen implizites Wissen eine Rolle spielt, ist es hilfreich, dem „Lernenden“ die Tätigkeiten, um die es sich handelt, einfach vorzumachen. Der Lernende führt die Tätigkeit im Anschluss daran auch aus – tauchen Fehler auf, werden diese verbessert und gemeinsam besprochen.
- Laut Denken. Während der Durchführung der Tätigkeit ist es wichtig, laut mitzudenken. Der andere kann dadurch nachvollziehen, warum man dies und nicht jenes macht, wo Entscheidungen gefällt werden müssen usw.
- Fragen einfordern. Die beiden oben genannten Techniken sind sicherlich vorteilhaft für die Explizierung impliziten Wissens. Noch besser gestaltet sich der Transferprozess allerdings, wenn auch der Lernende aktiv in das Geschehen mit eingebunden ist. Hier bietet es sich an, den Lernenden zu bitten, Fragen zu stellen.
Implizites Wissen aus anderen Personen herausfinden
Ist man in der Gegenposition, also in der Lernerrolle, so gestaltet sich die Sache noch etwas schwieriger. Vor allem, wenn der „Lehrer“ nicht so stark „auf einen eingeht“, ist die eigene Aktivität umso mehr gefragt.
- So viel wie möglich selbst machen. Fragen Sie Ihren Partner, ob Sie das eine oder andere auch selbst machen können. Wenn Sie die Tätigkeit verrichtet haben, sollten Sie noch einmal nachfragen, ob alles richtig war oder gezielte Fragen zu den Punkten stellen, bei denen Ihnen mögliche Problempunkte aufgefallen sind.
- Laut Denken. Versuchen Sie auch beim Nachmachen oder Selbstmachen von Tätigkeiten laut mitzudenken. Unter Umständen kommt Ihr Partner dadurch auf einige Aspekte, die Sie anscheinend noch nicht ganz verstanden haben.
- Fragen, fragen, fragen. Geben Sie sich nicht damit zufrieden, dass Ihre „Lehrer“ dieselbe Frage zweimal beantworten und Sie es trotzdem nicht verstanden haben. Fragen Sie so lange nach, bis Sie wirklich davon überzeugt sind, diesen Aspekt nun wirklich durchblickt zu haben.
Risken im Umgang mit implizitem Wissen
Die Beispiele zeigen, dass die Explikation impliziten Wissens nicht nur verbal, sondern auch bildhaft und damit visuell-imaginativ erfolgt. Im visuell-imaginativen Modus denken wir häufig episodisch: Neben Bildern stellen wir uns dann gleich ganze Szenen vor. Oft sind auch beide Modi im Spiel, etwa wenn es darum geht, Probleme zu lösen. Einige Autoren gehen sogar so weit, dass sie das Bildhaft-Episodische (Geschichten) zu den wichtigsten Schemata für die menschliche Wirklichkeitskonstruktion zählen. Der Vorschlag, implizites Wissen nicht direkt, sondern analog (also „nur“ ähnlich) zu repräsentieren, findet sein empirisches Pendant in Befunden zum analogen Wahrnehmen, Denken und Problemlösen.
Allerdings weisen Büssing und Herbig auf eine Reihe von Risiken hin, wenn es um den Umgang mit implizitem Wissen geht. Die Externalisierung von Wissen hängt von der Bereitschaft der Personen ab, ihr Wissen weiterzugeben. Die Weitergabe von Wissen sinkt, wenn berufliche Wettbewerbsnachteile entstehen.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass explizit gemachtes Wissen fehlerhafte Inhalte enthalten kann, die nicht zur Lösung einer Aufgabe genutzt wurden. Erst wenn Personen in der Lage sind, mit ihrem Wissen bestimmte Probleme zu lösen, kann angenommen werden, dass implizites Wissen angemessen und zuverlässig war.
Es stellt sich auch die Frage, wenn eine Person implizites Wissen für den schnellen Umgang mit kritischen Situationen expliziert, ob ihr dann noch schnelle Reaktionen möglich sind oder ob sie nicht mehr Verarbeitungszeit in kritischen Situationen benötigt.
Literatur
Büssing, A. & Herbig, B. (2003): Implizites Wissen und erfahrungsgeleitetes Arbeitshandeln: Chance oder Risiko für das Wissensmanagement? In: Wirtschaftspsychologie, III. 2003, 5. Jahrgang, S. 58-65
Reinmann-Rothmeier, G. & Mandl, H. (2202): Das Unausgesprochene Problem des impliziten Wissens im Wissensmanagement. In: Grundlagen der Weiterbildung, 15, S. 11-17