Der Begriff des intelligenten Unternehmens wird oft strapaziert. Was die Intelligenz einer Organisation ausmacht bleibt jedoch vielfach im dunkeln. Bevor wir uns mit der organisatorischen Intelligenz im Detail beschäftigen, ist es zunächst sinnvoll, einmal darüber nachzudenken, was die Intelligenz einer Person ausmacht und dann der Frage nachzugehen, wie das Konstrukt der Intelligenz auf Organisationen übertragen werden kann. Das Wörterbuch der Psychologie definiert Intelligenz als die generelle Fähigkeit, neue Aufgaben zu lösen oder neue Aufgaben bewältigen zu können. Häufig werden intelligente Menschen mit den Attributen Selbstsicherheit, Erfolg und Redegewandtheit beschrieben. Man könnte also sagen, dass Eigenschaften, welche im sozialen und beruflichen Leben als vorteilhaft gelten, als Intelligenz empfunden werden.
Wie kann man nun die Brücke zur organisatorischen Intelligenz schlagen?
Zum einen wird als Messgröße für die organisatorische Intelligenz die Schnelligkeit und Qualität des Erkennens und Reagierens eines Systems auf Umweltentwicklungen genannt. Das System ist um so intelligenter, je besser es laufend diese Aufgaben erfüllt. Nach anderen Überlegungen konkretisiert sich die organisatorische Intelligenz in der Fähigkeit überlebens- und entwicklungsgerechten Verhaltens .
Eine intelligente Organisation ist ausserdem dadurch gekennzeichnet, dass sie beim zweiten oder dritten Mal Probleme effektiver zu lösen vermag – d.h. schneller oder mit weniger Fehlern – als beim ersten Mal. In der Literatur wird weiterhin beschrieben, dass die organisatorische Intelligenz durch die Fähigkeit, neue Anforderungen oder Aufgaben zu bewältigen, gekennzeichnet ist. Diese kann durch das Zusammenwirken von den Subkomponenten organisatorische Lernfähigkeit, organisatorisches Wissen und organisatorisches Gedächtnis erklärt werden.
Fasst man die relevante Literatur zusammen, so werden für die organisatorische Intelligenz vor allem folgende Merkmale genannt:
- Erkennen und Reagieren auf Umweltentwicklungen mit einer hohen Qualität und Schnelligkeit,
- Lernfähigkeit, d.h. Probleme beim zweiten oder dritten Anlauf effektiver oder mit geringerer Fehlerquelle zu bewältigen,
- Vernetzung zur Entwicklung höherwertiger Lösungen (Innovationen),
- Erinnerungsvermögen, um Vergleiche zwischen früher und
heute ziehen zu können,
- emotionale Intelligenz.
Wie steht es mit der Intelligenz Ihres Unternehmens?
Aufgrund dieser Kriterien haben wir einen Intelligenztest für Organisationen entwickelt.
Unser Modell sieht fünf übergeordnete Merkmale organisatorischer Intelligenz vor (Antwortfähigkeit, Problemlösungsfähigkeit, Lernfähigkeit / Kreativität / Innovation, Erinnerungsvermögen, emotionale Intelligenz). Diese Merkmale konkretisieren sich für die Bereiche Märkte / Konkurrenten, Kunden, Produkte, Prozesse und Mitarbeiter. Es entsteht so die in der Abbildung dargestellt Intelligenzmatrix. Für jedes Feld ist eine Leitfrage formuliert, die eine erste grobe Einstufung ermöglicht. Der Intelligenztest ist durch seine Struktur anschlussfähig an die Balanced Scorecard, so dass erkannte Schwachstellen in Ziele und Maßnahmen in dieser eingesetzt werden können.
Neben einer übergeordneten Leitfrage werden für jedes Kompetenzfeld fünf vertiefende Fragen gestellt.
Zur Einstufung jeder Frage wurde eine fünfstufige Skala gewählt, die jeweils den Bezug zur Branche herstellt. Es ist jedoch auch eine andere Normierung des Tests möglich.
Zur Beurteilung ist zunächst eine Selbsteinschätzung vorgesehen. Liegen Benchmark-Studien vor, können diese zur Normierung herangezogen werden (z. B. Auftragsdurchlaufzeit im Branchenschnitt = 48 Stunden gegenüber eigener Durchlaufzeit von 36 Stunden). Die Selbsteinschätzung kann mit einer unabhängigen Sicht von außen konkretisiert werden. So haben wir bei der Testentwicklung festgestellt, dass z.B. Selbstwahrnehmung und externe Sicht divergieren. Nach der Beantwortung der Fragen erhält man ein Ergebnis in Form einer Punktzahl. Je höher diese ist, desto höher ist die organisatorische Intelligenz im Vergleich zu Wettbewerbern / Branche ausgeprägt.
So sollten Sie vorgehen, wenn Sie Ihren Organisatorischen Intelligenzquotient (OIQ) ermitteln möchten:
1. Abgrenzung des Bezugsobjekts
Wollen Sie den Test für die gesamte Organisation, einzelne Abteilungen, Produktbereiche oder Prozesse durchführen.
2. Normierung
Ermitteln Sie für jede Fragestellung der Kompetenzfelder Branchendurchschnitte.
3. Beurteilung der Leitfragen
Selbsteinschätzung, entweder durch
a) individuelle Beurteilung oder
b) Gruppeneinstufung (z.B. in Besprechungen oder Workshops)
4. Lassen Sie gegebenenfalls den Test von Externen durchführen
5. Ermitteln Sie die Punktzahl pro Kompetenzfeld, sowie den OIQ
6. Wo haben Sie Schwachstellen?
Legen Sie Ihre Ziele und Maßnahmen Ihrer Intelligenzstruktur fest. Vielleicht erkennen Sie, dass es Zeit ist mit systematischem Wissensmanagement zu beginnen.
Wenn Sie die Intelligenz Ihres Unternehmens testen wollen, können Sie dies im Schnellverfahren mit der übergeordneten „Intelligenzmatrix“ (ohne die vertiefenden Fragen) tun. Der detaillierte Test befindet sich derzeit noch in Erprobung.
Literatur
Pöschel, A, , North. K.: Intelligente Organisationen – Wie ein Unternehmen seinen IQ berechnen kann. New Management Nr 4, 2002, S. 50- 59
North, K.: Wissensorientierte Unternehmensführung. Wiesbaden. Gabler 2002 (3.Auflage)