Zukunftsorientiert: Technologien und Know-how bündeln
Über 20.000 forschende Unternehmen treiben heute den weltweiten Fortschritt in den Bereichen Biotechnologie und Pharma. Die entscheidenden technologischen Akzente setzen dabei meist die kleineren Biotech-Schmieden, darunter viele aus dem universitären Umfeld und viele Start up´s.
Halbiert hat sich die Zahl der Medikamentenpremieren mit völlig neuen medizinischen Eigenschaften im Verlauf der letzten 15 Jahre. Von weltweit 60 auf unter 30 jährlich. Derzeit können die global agierenden großen Konzerne pro Jahr mit durchschnittlich einer Innovation aufwarten, die das Zeug zum Blockbuster hat. Tendenz sinkend. Explodiert dagegen sind die Entwicklungskosten. Derzeit liegen sie bei 800 Millionen US-Dollar pro Medikament. Ein weiterer Faktor ist die Zeit: von der Idee bis zur Markteinführung vergehen durchschnittlich zwischen 10 und 15 Jahre. Diese gilt es zu verkürzen.
Nur patentrechtlich geschützte Wirkstoffe und Medikamente bieten den Unternehmen ausreichende Margen und damit die Aussicht auf eine gut gefüllte und attraktive "Pipeline". Die primären Alleinstellungsmerkmale im Pharmamarkt liegen in der Entwicklung des Produktes, nicht in der Produktion. Angesichts der Kosten und Risiken kann hier jedoch nur in begrenztem Maße auf die eigene Forschung gesetzt werden. "Kooperation" heißt daher das Zauberwort, mit dem sich gerade große Pharmakonzerne zunehmend das notwendige Know-how und die neuesten Ergebnisse der biotechnologie-relevanten Pharmaforschung sichern.
Spezielle, weltweit agierende Teams haben die Aufgabe, den Prozess der Suche und Auswahl solcher Kooperationspartner zu optimieren, mit dem Ziel, konzernweit einen höheren Wertschöpfungsbeitrag zu erzielen. Es gilt, am Markt nach forschenden Unternehmen zu recherchieren, die lohnenswerte Technologien und Produkte in der Entwicklung oder sogar schon im Zulassungsprozess haben. Wird nun eine interessante, in das eigene Portfolio passende Technologie oder ein innovatives Produkt identifiziert, reicht die Bandbreite der Kooperationsformen von Dienstleistungsaufträgen über strategische Firmenbeteiligungen bis hin zu kompletten Übernahmen.
Die entscheidende Basis für eine permanente effiziente Analyse und Beobachtung des Marktes liegt in der qualitativ hochwertigen Versorgung und dem Umgang mit relevanten Informationen. Doch der zu beobachtende Markt ist global, komplex und unheimlich schnell. Tausende von forschenden Unternehmen sind zu analysieren. Diese sind darüber hinaus häufig über Beteiligungen und Verträge miteinander verbunden, beschäftigen sich mit ähnlichen Therapiegebieten und setzen eventuell auf die gleiche Basistechnik oder Wirkstoffgruppe. Die Menge an unstrukturierten Informationen aus der Vielzahl von Informationsquellen im Internet oder Intranet zu kanalisieren, zu bewerten und kontextbezogen zuzuordnen, ist eine Sisyphusaufgabe - und erfolgskritisch.
Um Anwendern einen bedarfsgerechten wie kontextsensitiven Zugang auf heterogen verteilte Informationen zu ermöglichen und die damit zusammenhängenden wissensintensiven Abläufe zu unterstützen hat die USU für die Schering AG ein Prozess-Portal entwickelt und setzt dabei auf modernste Technologien. Im folgenden werden einige wichtige Aspekte erläutert.
Prozessorientiert: Wissenstransfer im Projekt
Auch der Prozess der Marktanalyse und des Marktscreenings ist einem permanenten Controlling unterworfen. Jeder Mitarbeiter eines entsprechenden Bereiches erstellt monatlich oder quartalsweise Berichte über seine Aktivitäten, Schwerpunkte und Fortschritte. Hierzu ist ein klares Prozess- und Phasenmodell notwendig, das auch dem Berichtswesen als Richtschnur dient. Die Erfassung dieser Reports steht im operativen Mittelpunkt der Anwendung. Dabei gibt es allerdings eine Besonderheit: Die verschiedenen Mitarbeiter arbeiten nicht nur an verschiedenen Themen, sondern auch in ganz unterschiedlichen Bereichen. Analysiert der eine den Markt auf mögliche Produkte und Wirkstoffe, so untersucht der zweite die Angebote des Marktes z.B. auf Analysetechniken. Dies führt zu unterschiedlichen Daten und Angaben, die zu den jeweiligen Projekten festgehalten werden müssen.

Die Praxis zeigt außerdem, dass sich ein Projekt im Laufe der Zeit auch ändern kann. War beispielsweise am Anfang nur der Wirkstoff interessant, zeigt sich Monate später, dass die dahinter stehende Technologie generell von Nutzen sein könnte. Das System ermöglicht daher eine flexible Einordnung der verschiedenen Projekttypen. Die entsprechenden Angaben werden automatisch mit der kompletten Historie hinterlegt. Und so kann der Anwender die Entwicklung des Projektes leicht nachvollziehen. Dabei ist es nicht nötig, dass Dokumente, die Projekt-Details beinhalten, manuell in den entsprechenden Ordner abgelegt werden.
Diese Zuordnung erfolgt werkzeuggestützt automatisch. Ein Mitarbeiter, der sich in ein schon laufendes Projekt einarbeiten und dazu beispielsweise eine Übersicht über die bestehende Vereinbarung mit einem Technologieanbieter gewinnen möchte, kann aus der Anwendung heraus auf das entsprechende Dokument zugreifen - ohne zusätzliche Katalogisierung oder Verschlagwortung. Zudem erlaubt es das System, alle gewünschten Projekte in einem gemeinsamen Report darzustellen, auch wenn es sich um verschiedene Projektarten handelt.
Ebenso können Reminder und Post It's zu Projekten und den jeweiligen Hauptthemen festgehalten werden. Wird ein Reminder aktiv, weil der angegebene Termin erreicht wurde, wird der Anwender umgehend via e-Mail mit Details für die notwendige Aktivität versorgt.
Durch einen Mausklick ist der Mitarbeiter genau dort, wo von ihm neue Aktivitäten erwartet werden.
Bedarfsorientiert: Informationszugriff im Kontext
Zunächst bietet eine personalisierte Einstiegsseite den Anwendern bedarfsorientiert ihre individuellen Prozesse und einen komfortablen Einstieg in die relevanten Themen. Auf einen Blick erkennt man, welche neuen Projekte im Organisationsbereich hinzugekommen sind, welche eigenen Projekte vorliegen. Eigene Anmerkungen und Reminder erscheinen dynamisch.

Der rasche Zugriff auf gerade benötigte Kontextinformationen ist für die Mitarbeiter im Bereich Business Development erfolgskritisch. Mehr als 100.000 heterogen verteilte Dokumente unterschiedlichster Formate liefern Informationen zu mehr als 3.000 Unternehmen inklusive Universitäten. Gängige Suchmethoden reichen nicht aus. Beschäftigt sich beispielsweise ein Anwender in Japan mit einem Unternehmen, das hochreine Allergene für Desensibilisierungs-Behandlungen herstellt und ein anderer arbeitet an einem Projekt in Kanada, bei dem Antihistaminika im Mittelpunkt stehen, haben beide Projekte naturgemäß Schnittstellen. Entscheidend ist daher, dass beide voneinander wissen.
Diese 'Ähnlichkeitssuche' ist für den Projekterfolg enorm wichtig. Daher bietet die Anwendung unter Einsatz des USU KnowledgeMiner auch eine intelligente semantische Suche.
Neben der reinen Angabe zu suchender Projekte oder Therapiegebiete können Mitarbeiter in einem Netz von ähnlichen Themen navigieren (siehe Abbildung einer entsprechenden Topic Map). Dieses kann selbst erstellt oder beispielsweise auch von der National Library of Medicine bezogen werden. Dort finden sich regelmäßig gepflegte medizinische Fach-Thesauri mit über 800.000 Themen in 20 Sprachen.
Praxisorientiert - die Technologie
Für dieses Projekt wurde von der USU die zentrale Anwendung auf Basis eines USU-Frameworks entwickelt, das aus diversen Java-Projekten resultierte. Die für das Reporting notwendige Datenbank wurde mit Oracle realisiert. Mit dem USU KnowledgeMiner kommt ein Werkzeug für eine nachfrageorientierte Informationsversorgung zum Einsatz. Große, unstrukturierte Dokumentenmengen werden mit Hilfe einer Themenstrukturierung auf Meta-Ebene zugänglich gemacht und inhaltlich erschlossen. Die Aufwände für die Pflege und Strukturierung von Daten können damit drastisch reduziert werden.
Technologisch basiert dieses Verfahren auf dem ISO-Standard 13250 der Topic Maps - eine Form der Wissensrepräsentation auf Basis von XML. Systemseitig werden die unternehmensspezifischen Themennetze visualisiert. Damit unterstützt das System unterschiedlichste Suchsituationen und -bedürfnisse, die in der Konzeption gängiger, technikzentrierter Recherche-Anwendungen meist zu wenig berücksichtigt werden. Der Anwender kann sich leicht interaktiv durch die gewünschten Themen navigieren und wird auch auf thematische Querbeziehungen aufmerksam gemacht, die durch gängige Strukturierungsmechanismen nicht zugänglich sind. Dabei können auch große Netze mit Hunderttausenden von Themen verarbeitet werden - neben einer strukturierten, prozessorientierten Arbeitsweise eines der wesentlichen Kriterien für eine erfolgreiche Umsetzung des Projektes.