Wissen wirkt.
 

Knowledge Loss Risk Assessment

Knowledge Loss Risk Assessment

Von Andreas Brandner, Manfred Kofranek, Rudi Krcma

 

Summary

HR Abteilungen sorgen dafür, dass die geeigneten Humanressourcen für eine dynamische, nachhaltige und wirtschaftliche Unternehmensführung zur Verfügung stehen. Die Planung und Beschaffung sind dabei ebenso relevant wie das Halten von guten Mitarbeitern. Was kann die HR-Abteilung jedoch tun, wenn ein Schlüsselmitarbeiter plötzlich und ungeplant ausfällt – aus gesundheitlichen, privaten oder wettbewerblichen Gründen? Niemand kann das verhindern, aber man kann den Schaden, der in einem solchen Fall entsteht, begrenzen.

 

Der IAEA Ansatz

Die IAEA, die Internationale Atomenergiebehörde in Wien, hat sich dieser Herausforderung bereits vor vielen Jahren gestellt. Sie ist weltweit für die Sicherheit von Nuklearanlagen verantwortlich und damit für den Schutz der Weltbevölkerung. Sie hat vor 10 Jahren im Auftrag der Generalversammlung eine Nuclear Knowledge Management Unit gegründet, die sich der Einführung von Wissensmanagement in Nuklearanlagen widmet. Neben Standards, Richtlinien und Anleitungen ist 2006 auch das „Knowledge Loss Risk Assessment“ erschienen, das vor Sicherheitslücken durch den Ausfall von Schlüsselmitarbeitern schützen soll.

Die Methode ist einfach und kann mit einem überschaubaren Aufwand in kurzer Zeit eingesetzt werden. Das Wissensverlustrisiko bildet sich aus zwei Faktoren: Das Positionsrisiko (1) beschreibt, wie rasch eine Position durch neue Personen nachbesetzt werden kann, wenn der aktuelle Positionsinhaber ausfällt. Ist das kurzfristig und leicht möglich, ist das Risiko gering. Je länger es dauert, bis ein Nachfolger voll einsatzfähig ist, desto höher ist das Risiko. Das Abgangsrisiko (2) ist bestimmt durch das voraussichtliche Austrittsdatum. In vielen Fällen ist ein Austritt ja absehbar, sei es aus Alters- oder auch aus Gesundheitsgründen. In anderen Fällen kann ein wahrscheinliches Abgangsdatum abgeschätzt werden. Je kürzer die absehbare Austrittsdauer ist, desto höher das Abgangsrisiko. Beide Faktoren werden auf einer Skala von 1-5 bewertet, das Produkt aus beiden bildet somit das Wissensverlustrisiko.

Bild KLRA

Abbildung: Knowledge Loss Risk Matrix, Quelle: IAEA (1)

 

Eine Positionsrisiko von 5 („Position Risk Factor“) wird als unternehmenskritisch betrachtet und braucht zumindest mittelfristige Maßnahmen. Ein Gesamtrisikofaktor („Attrition Risk“ x „Position Risk“) von 20-25 erfordert unmittelbare Aktivitäten zur Sicherung dieses Wissens.

Dadurch können Positionen mit einem kritischen Wissen identifiziert und Maßnahmen für die Sicherung getroffen werden. Die Fokussierung auf die kritischen Positionen ist schlichtwegs auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Kein Unternehmen kann es sich leisten, das gesamte Wissen aller Mitarbeiter zu sichern. Es werden aber die größten Risiken reduziert. Das Portfolio der denkbaren Maßnahmen zur Wissenssicherung ist breit. Es können beispielsweise Wissensredundanzen aufgebaut werden, es können gute Dokumentationen erstellt werden oder man ändert die Unternehmensprozesse derart, dass sie gegenüber solchen Risiken robust werden. Mit den Trägern von kritischem Wissen werden sodann individuelle Wissenssicherungsmaßnahmen definiert. Deren Umsetzung muss auch überprüft werden, denn der persönliche Nutzen und damit die Priorität wird seitens der Spezialisten als eher gering eingestuft.

Das Knowledge Loss Risk Assessment hat sich in einem Wirtschaftsumfeld bewährt, in dem ein Wissensausfall katastrophale Folgen haben kann. Es kann auch von wissensintensiven Unternehmen gewinnbringend eingesetzt werden, um vor Leistungseinbrüchen – sowie selbstverständlich auch vor Sicherheitsrisiken – zu schützen und dem Altern der Belegschaft gezielt zu begegnen.

 

Literatur

(1) Risk Management of Knowledge Loss in Nuclear Industry Organizations, International Atomic Energy Agency, 2006