Wissen wirkt.
 

Social Capital Management

Social Capital Management

Interview mit Enzo Rullani

Die Themen Wissensarbeit und Ökonomie des Wissens waren schon mehrfach Gegenstand von KM-A Publikationen (1) (2). Im Februar 2012 wird sich ein Symposium in Wien dem Thema „Social Capital Management“ widmen und dabei auch die Rolle von Wissensarbeit als wichtigem Faktor sozialer Produktivität behandeln. KM-A wird im Rahmen dieses Symposiums einen Workshop gestalten.

Der Hauptvortrag des Symposiums wird von Enzo Rullani gehalten. Er ist Dozent mit dem Schwerpunkt Ökonomie des Wissens an der Venice International University und leitet mehrere Forschungseinrichtungen, die sich mit den Themen Innovation und immaterielle Ökonomie im Dienstleistungsbereich sowie dem Einsatz neuer Technologien in der Netzwerkökonomie befassen.

 

Interview mit Enzo Rullani, geführt von 4dimensions:

Niemand hat sich bislang so grundlegend und konsequent wie Prof. Enzo Rullani den Herausforderungen gestellt, die das Wissen als »vollkommen unvollkommene« Ressource an die ökonomische Theorie heranträgt. Denn die Schaffung, der Einsatz, der Austausch und die Verarbeitung von Wissen in ökonomischen Zusammenhängen rütteln an den Grundfesten der Wirtschaftswissenschaften.

Im Rahmen des zweiten Symposiums rund um das Thema Social Capital Management hält Prof. Enzo Rullani im Februar 2012 eine exklusive Expert Lecture. Wir haben mit dem italienischen Ökonomen bereits vorab über seine neue Publikation: „Ökonomie des Wissens – Kreativität und Wertbildung im Netzwerkkapitalismus“ (3) gesprochen. Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf der Homepage der 4dimensions GmbH: www.4dimensions.at

Herr Prof. Rullani, was hat sich im Prozess der Wertschöpfung in den letzten Jahren am nachhaltigsten verändert?

Wir erleben eine Entmaterialisierung des Wertschöpfungsprozesses. Die Entmaterialisierung setzt eigentlich bei der Produktivkraft par excellence, der menschlichen Arbeit, ein. Arbeit ist heute bis auf wenige Ausnahmen keine materielle Tätigkeit mehr – im Sinne des Einsatzes der Muskelkraft, um Materialien oder Rohstoffe in ein Endprodukt zu verwandeln. In 99% der Fälle verrichten wir kognitive Arbeit, im Sinne des Einsatzes unseres Wissens, um weitere Kenntnisse zu produzieren, die wiederum potenziellen Nutzen einbringen. Das betrifft gewöhnlich nicht nur, wie dies früher der Fall war, einige wenige „intellektuelle“ Berufe (Lehrende in Schulen und an Universitäten, Schauspieler, Wissenschaftler usw.), sondern alle Tätigkeiten. Auch die Tätigkeit der Arbeiterinnen und Arbeiter besteht im wissensbasierten Bedienen von Maschinen, also vielmehr unter Verwendung des Hirns als unter Einsatz der Muskeln.

Demnach ist Arbeit heute vollständig kognitive Arbeit geworden, wir müssen deshalb zur Kenntnis nehmen, dass ein tiefgreifender Wandel stattgefunden hat: Unsere Realwirtschaft ist eine Ökonomie geworden, in der das Wissen für uns arbeitet. Wir leben folglich in einer Art kognitivem Kapitalismus, dessen Gesetze und Entwicklungsmöglichkeiten wir erst begreifen müssen.

Was unterscheidet den kognitiven Kapitalismus von der klassischen Ökonomie?

In der Wissensökonomie wird Wert geschaffen, indem an einer Welt der Möglichkeiten gebaut wird und Formen und Werte hervorgebracht werden, die keiner Notwendigkeit entspringen, sondern das Ergebnis kognitiver Prozesse darstellen. Bei diesen Prozessen kommen die Imagination, die Kommunikation und die gemeinsame Nutzung von Ideen und Fähigkeiten zum Einsatz. Diese Welt des Möglichen vollzieht einen substanziellen Wandel gegenüber dem Modell der materiellen Produktion, das auf dem Verbrauch der Produktionsfaktoren basierte. Die Kenntnisse, die bei der Produktion von Bedeutung, Erfahrungen und Dienst-Leistungen zum Einsatz kommen, werden bei ihrer Verwendung nämlich nicht aufgebraucht. Im Gegenteil, sie erhalten und steigern ihren Wert mit jeder Wieder-Verwendung, da sich ihre Wirksamkeit auf weitere Möglichkeiten des Gebrauchs ausdehnen lässt und sich dadurch ihr Einsatzbereich in Raum und Zeit erweitert.

Das ist die tiefere Bedeutung des Ausdrucks „Wissensökonomie“: Dieser Begriff dient dazu, den Blick der Wirtschaft vom Prozess der Produktion auf den Prozess der Verbreitung zu verlagern. Nicht mehr die rationale Allokation der Ressourcen sollte uns interessieren, sondern die Vervielfältigung der Einsatzmöglichkeiten. Diese wird am besten über die Schaffung von Netzwerken erreicht, die eine intelligente Ausbreitung dessen, was eine Gesellschaft weiß und kann, erleichtern.

Was macht aus Ihrer Sicht die Besonderheit der Ressource Wissen aus?

Wissen ist eine Ressource, die (besonders, wenn es sich um reproduzierbares Wissen handelt) ihrem Wesen nach nicht knapp ist (da ihre Reproduktionskosten gleich null oder fast null sind). Wissen ist auch nicht teilbar (ihre Kosten und Erträge sind das Ergebnis sozialer Prozesse, die Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinden und die Leistung eines Wirtschaftssubjekts mit der Leistung anderer Akteure unauflöslich verstricken). Schließlich ist Wissen nicht instrumentell (weil das Erkennen nicht nur Mittel hervorbringt, sondern die Beziehungen und Identitäten der beteiligten Akteure verändert und auch deren Zwecke, also ihre Präferenzen, einem Wandel unterwirft).

Aber Achtung: Eben weil es diese Anomalien aufweist, produziert Wissen Wert, indem es sich ausbreitet, erneuert und neue Investitionen in Lernprozesse zeitigt. Eben weil es vervielfältigbar und somit nicht knapp, einer gemeinsamen Nutzung zugänglich also nicht teil- und abtrennbar und reflexiv ist, insofern es auf die Zwecke zurückwirken kann, anstatt als reines Mittel zu dienen.

Braucht diese neue Ressource Wissen mit allen ihren paradoxen Wirkungen auch neue Produktionsstätten? Wie müssen Unternehmen aussehen, damit sie Wissen optimal nutzen können?

Die zur Produktion des Wissens geeignete Organisation habe ich „Fabrik des Immateriellen“ genannt. Mit diesem Begriff meine ich jene Wertschöpfungskette, die aus vielen Unternehmen und vielen Arbeitsbeiträgen besteht und die kognitive Arbeit im Sinne der Transformation von Wissen und Beziehungen einsetzt, um Gebrauchswerte nicht nur zugunsten des Endverbrauchers zu schaffen, sondern auch zum Vorteil für die verschiedenen Subjekte, die an der Wertkette beteiligt sind. Als Subjekte der Wertkette gelten Arbeiter, Unternehmer und Vermittlerfiguren.

Das benötigt kreative neue Lösungen, die in der Wertschöpfungskette vom Kreativarbeiter gefunden werden und imstande sein müssen, auf elastische Weise die Erforschung des Neuen, die Exploration, die vervielfältigte Nutzung, die Exploitation und die Profitentnahme die sogenannte Extraction zu verbinden, sodass der Motor der Wertschöpfung durch Wissen möglichst rund läuft.

Es existiert keine Standardlösung für das Problem, wie exploration, exploitation, extraction und Sinn zusammenspielen können. Wer sich in der kognitiven Kette bewegt, muss ohne fix vorgegebene Lösungen vorankommen und kreativ nach Wegen suchen, die nicht unmittelbar ersichtlich und alles andere als gesichert sind. Kreativität heißt eben auch Übernahme von Risiken: das Risiko, in Sackgassen oder verlustreiche Entwicklungen zu investieren, das Risiko, keine kompetenten Partner zu finden, das Risiko, nach anfänglichen Investitionen letztlich die Flinte ins Korn zu werfen. In diesem Sinn darf die Kreativität nicht nur eine individuelle Qualität bleiben, sondern muss zur Eigenschaft von Prozessen der gemeinsamen Nutzung werden. Man schafft gemeinsam Wert, indem man Projekte zusammen entwirft und auch die damit verbundenen Risiken teilt.

Aber widerspricht das nicht in Vielem unserem derzeitigen Verständnis von Urheber – und Verwertungsrechten an meiner individuellen kreativen Leistung und dem gesetzlichen Schutz dieses geistigen Eigentums?

Da er den Ausschluss aller anderen vom freien Gebrauch einer bestimmten kognitiven Leistung besiegelt, muss der Schutz des geistigen Eigentums mit besonderer Vorsicht graduell abgestuft werden. Wenn das Ziel nicht darin besteht, „das Eigentum zu schützen“, sondern darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich Wissen weiter dynamisch ausbreiten kann (und damit auch Investitionen in die Produktion neuen Wissens ökonomisch vorteilhaft sind), dann muss das Recht auf Ausschluss von der Nutzung auf das Nötigste beschränkt werden, um dieses Ziel zu erreichen. Es gilt also, all jene Fälle auszuschließen, in denen der exklusive Zugriff auf Wissen sich kontraproduktiv auswirkt und die statische und dynamische Ausbreitung eingeschränkt wird, anstatt sie mittels Anreizen zu fördern.

Die Arbeit an den Normen und an ihrem pragmatischen Einsatz ist jedoch nur ein Teil dessen, was zu tun ist. Darüber hinaus müssen wir Beziehungen des bewussten gemeinsamen und dialogischen Umgangs mit Wissen, Sprachen, Regeln und Projekten aufbauen. Diese Arbeit ist unerlässlich, wenn wir aus der Logik der Knappheit aus- und in jene der organisierten Vervielfältigung einsteigen wollen.

Sowohl die Produktionsweise als auch die institutionelle Verfasstheit der modernen Gesellschaften hängen entscheidend davon ab, dass der kognitive Motor unserer Ökonomie unter den mit der Zeit wechselnden Bedingungen nicht abstirbt. Wenn dieser Motor aber unsichtbar bleibt und seine Erfordernisse nicht berücksichtigt werden, dann schlittern wir in Krisen, die immer schwerer zu meistern sind, solange keine korrekte Diagnose erstellt wird.

In einer solchen Situation stecken wir nun fest, im Übergang von einem alten Paradigma zu einem neuen. Mit dem Ergebnis, dass wir uns in einem Schwebezustand einrichten zwischen einer Vergangenheit, die nicht vergeht, und einer Zukunft, die nicht kommen will. In einer ausgedehnten Gegenwart, die uns die Zukunft raubt.

 

Literatur

(1) Manfred Kofranek: Wissensarbeit – die Herausforderung der Wirtschaftspolitik, KM-Journal 1/2010

(2) Susanne Pernicka, Anja Lasofsky-Blahut, Manfred Kofranek, Astrid Reichel: Wissensarbeiter organisieren, Perspektiven kollektiver Interessenvertretung, Berlin: edition sigma 2010

(3) Enzo Rullani, Ökonomie des Wissens – Kreativität und Wertbildung im Netzwerkkapitalismus, Turia + Kant, 2011