Wissen wirkt.
 

Wissen aus Beziehungen und Netzwerken

Wissen aus Beziehungen und Netzwerken

Mag. Rudolf Krcma; Workswell OG, Die Wirkstatt, Partner KM-A

 

Summary

Dieser Artikel widmet sich der Bedeutung von Beziehungen für das Erlangen von Wissen. Es geht darin zuerst darum festzustellen, wo die wichtigen Wissensquellen sind und durch wen sie repräsentiert sind. Im nächsten Schritt wird erörtert, wie durch Charakterisierung von bestehenden Beziehungen und durch ihre bewusste Weiterentwicklung neues Wissen generiert werden kann. Die Betrachtung von Netzwerken aus der Sicht der Wissensbewirtschaftung und die mögliche Rolle der Personalentwicklung für beziehungsbezogenes Wissensmanagement bilden den Abschluss dieses Beitrags.

 

Die Bedeutung der Wissensquellen

Vorab eine Klarstellung: Nach der gängigen und weithin akzeptierten Übereinkunft bezeichnen wir Wissen als etwas, das im Bewusstsein des Wissenden – und nur dort – residiert, dort konstituiert und aktualisiert wird. Nach dieser Definition kann das Wissen nicht aus dem Kopf des Wissensträgers heraus wandern und übergeben werden. Als Zustand und Fähigkeit des Wissenden ist es an dessen Bewusstsein und dessen Kontext gebunden. Es kann also nicht fließen. Der Begriff der Wissensquelle ist daher in strengem Sinne irreführend.

Da es mir hier aber mehr um den Sinn und weniger um die Strenge geht, verwende ich den Begriff „Wissen“ in Übereinstimmung mit der Praxis all jener, die vom Teilen, Weiterleiten und Sichern des Wissens sprechen, wobei sie doch eigentlich Information meinen. Ich spreche dem Wissen also Objektcharakter zu, dann kann es fließen – und dann darf es auch Wissensquellen geben.

So aufwühlend die Erörterung von Begriffsdefinitionen auch sein mag, noch viel spannender sind für mich folgende Fragen:

  • Kenne ich meine wichtigen Wissensquellen?
  • Weiß ich, was ich von dort beziehe?
  • Gehe ich ausreichend sorgsam mit den Quellen um?

Meine persönliche Erfahrung zeigt: Wenn man Menschen diese Fragen stellt, dann müssen sie meist einige Zeit nachdenken, bis sie eine Antwort geben können. Nun ist ja Nachdenken grundsätzlich nichts Ehrenrühriges. Jedoch ist die Tatsache, dass die Antwort erst ergrübelt werden, muss ein Hinweis darauf, dass wir Wissensquellen möglicherweise als irgendwie/irgendwo gegeben betrachten und sie daher wahrscheinlich nicht bewusst pflegen und bewirtschaften. Das ist fürs Erste kein Problem – solange wir im Überfluss leben. So wie auch auf vielen anderen Gebieten beginnen wir mit der bewussten Suche und Sicherung der Ressourcen erst dann, wenn Mangel droht.

All jene, die entweder schon Leidensdruck angesichts versiegender Wissensquellen verspüren und all jene, die sich auch ohne Bedrohung mit dem Thema auseinandersetzen wollen, lade ich ein weiter zu lesen!

 

Die Besonderheit von Personen als Wissensquellen

Wenn wir uns einmal an die Inventur unserer Wissensquellen gemacht haben, stellen wir sehr schnell fest, dass wir einen großen Teil unseres Wissens unter Zuhilfenahme publizierter (=öffentlich gemachter) Information aufbauen. Das geschieht überall dort, wo wir auf allgemein zugängliche schriftliche oder bildliche Information zugreifen, über Bücher, Zeitschriften, Webpublikationen. Hinter all diesen Quellen stehen Personen, die bereit (und fähig) waren, einen Teil ihres Wissens weitgehend ohne Einschränkung der Leserechte nach außen zu projizieren und so zu kodifizieren, dass es aufgenommen, vielleicht sogar verstanden werden kann. Der Vorteil für den Rezipienten ist, dass er in den meisten Fällen die Inhalte nutzen kann, ohne besonders viel in die Pflege der Beziehung zum Autor nachdenken zu müssen.

Eine andere Konstellation liegt dann vor, wenn es sich Information handelt, die nur unter den besonderen Voraussetzungen der Vertraulichkeit verfügbar ist. In diesen Fällen behält sich der Wissensträger also die Entscheidung vor, wer die Information bekommen soll und wer nicht.

Gar nicht seltsamerweise ist es aber gerade diese Information, die oft den entscheidenden Unterschied ausmacht, die also besonders gehalt- und wertvoll für uns ist. Hier geht es daher auch darum, die Bereitschaft des Wissensträgers herzustellen, sein Wissen mit uns zu teilen. Die Pflege der Beziehung bekommt damit eine entscheidende Funktion in der Sicherung und im Ausbau von Wissensquellen.

 

Die Charakterisierung von bestehenden Beziehungen

Nähern wir uns dem Thema der Beziehungsgestaltung einmal ganz nüchtern und analytisch. Das kann zum Beispiel damit beginnen, dass wir eine Liste unserer wichtigsten Beziehungspartner erstellen. Wenn wir das haben, machen wir uns an eine Charakterisierung der einzelnen Beziehungen. Folgende Fragen helfen uns dabei:

  • Was bringt mir diese Beziehung in Bezug auf meinen Wissenszuwachs?
  • Welches Wissen generiere ich durch diese Beziehung?
  • Welches für mich wertvolle, aber bislang noch nicht betrachtete Wissen könnte ich aus dieser Beziehung noch schöpfen?
  • Was muss ich tun, um die Beziehung auf passendem Niveau zu stabilisieren oder zu verbreitern, zu vertiefen
  • Was muss ich tun, um selbst als Beziehungspartner für den anderen vertrauenswürdig zu bleiben?
  • Wie würde mein Beziehungspartner diese Fragen in Bezug auf mich beantworten?

In der Praxis führt eine solche Inventur immer zu interessanten Ergebnissen:

  • Wir haben eine Reihe von Beziehungen, die aus der Wissenssicht äußerst ergiebig sind. Sobald wir uns dessen bewusst sind, können wir diese Beziehungen gezielt festigen.
  • Wir haben auch Beziehungen, die auf den ersten Blick wenig mit Wissensgewinn zu tun haben. Vielleicht sind sie aber wichtig für unsere soziales und emotionales Wohlbefinden. Hier kann es anregend sein darüber nachzudenken, ob die eine oder andere Beziehung auch durch die Dimension des Wissensgewinns bereichert werden könnte.

Noch eine Klarstellung: Dies ist kein Plädoyer dafür, Beziehungspartner auf ihre Funktion als Wissensquelle zu reduzieren. Ich möchte vielmehr dazu ermutigen, das voneinander Lernen als vornehmen Bestandteil guter persönlicher Beziehungen zu kultivieren.

 

Von bilateralen Beziehungen zum Netzwerk

Das Potenzial des Wissensgewinns aus persönlichen Beziehungen vergrößert sich dramatisch, wenn man berücksichtigt, dass der Beziehungspartner seinerseits in vielfältigen Verbindungen mit anderen Wissensträgern steht. Diese Vielfalt und der damit grundsätzlich verbundene Reichtum an unterschiedlichem Wissen und – vielleicht noch wichtiger – unterschiedlichen Perspektiven sollten dazu einladen, in Beziehungen immer über die bilaterale Grenze hinauszudenken. Das Interesse an den Kontakten derer, mit denen wir im Kontakt stehen, fördert in hohem Maße das Entdecken von neuen Wissensquellen.

Für unsere Art der Fortbewegung entlang dieser Verästelungen gibt es verschiedene Varianten: Wir können themenorientiert vorgehen und damit, geleitet durch das Interesse an bestimmten Inhalten, zu neuen Kontakten gelangen. So kann sich zum Beispiel eine Personalentwicklerin mit besonderer Neugier für Methoden der Sicherung von Expertenwissen von Kontakt zu Kontakt voran arbeiten und damit Wissen zu ihrer speziellen Frage generieren.

Eine andere Variante geht eher personenorientiert vor. Man baut neue Kontakte ohne thematische Einschränkung auf und entdeckt damit möglicherweise ganz neue Inhalte, die jedoch für den eigenen Kontext sehr wertvoll sein können.

Wissenshungrige Menschen werden wohl mit beiden Varianten etwas anfangen können.

Viele der sozialen Verbindungen, die wir haben, sind in der Dynamik unserer wechselnden Bedürfnisse gewachsen, haben sich ergeben und bewährt, sind geblieben. Etwas anders verhält es sich da mit gezielt gewebten Netzwerken. Sie entstehen manchmal aus eher unstrukturierten Knäueln, in denen sich bestimmte Interessencluster auf der Basis bestehender Verbindungen eine geordnete Struktur geben. Andere geordnete Netzwerke werden zweckorientiert geplant und aufgebaut. Diese Netzwerke haben eine von den Teilhabern mehr oder weniger explizit gewollte Funktion. Das reicht von der Unterstützung des lokalen Fußballklubs bis hin zum Austausch von Projekterfahrung bei Communities of Practice in einem global agierenden Unternehmen.

Manche dieser Geflechte sind bewusst der gemeinsamen Bewirtschaftung von Wissen gewidmet. Man tritt in diese Netzwerke also ein, um darin Wissen für sich selbst und andere Netzmitglieder zu schaffen. Das Verhältnis von Geben und Nehmen kann dabei ganz unterschiedlich sein. Eine Gefahr für Experten mit augenscheinlich überlegenem Wissensstand im betreffenden Netzwerk liegt darin, dass sie ihre Überlegenheit (verständlicherweise) genießen, dabei aber ihre Neugier verlieren. Für sie geht es darum, im Netzwerk auch immer wieder Witterung für Neues aufzunehmen.

Neben diesen wissensorientierten Netzwerken gibt es aber auch Konstrukte, in denen es eher um wechselseitige soziale, emotionale Stützung geht, um das Herstellen von Behaglichkeit. Wir fühlen uns wohl. So erlebt man zum Beispiel bei Treffen von UniabsolventInnen oft sehr viel an Rückblick und Wiedereintauchen in vergangene Erlebnisse. Dieser temporäre Aufenthalt im Historischen tut den Teilhabenden offenbar gut und bietet Entlastung. Hier könnte eine zusätzliche Chance auftauchen, wenn solche Netzwerke in angemessener Form auf Wissensgewinn ausgerichtet werden. Wir fühlen uns wohl und lernen voneinander.

 

Der Beitrag der Personalentwicklung zum Wissensgewinn aus Beziehungen und Netzwerken

Für die in der Personalentwicklung engagierten Menschen gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, den Wissensgewinn aus Beziehungen zu stimulieren. Ein paar Beispiele dafür:

  • Vermittlung der Fähigkeiten zum wirkungsbewussten Networking.
  • Hilfestellung beim Gründen und Betreiben von Communities of Practice
  • Bereitstellen von Methoden und Werkzeugen für wissensorientierte Zusammenarbeit
  • Vorbildhafte Nutzung der bewussten Beziehungspflege für die Anliegen der Personalentwicklung

Der Wissensgewinn aus Beziehungen und Netzwerken ist für die Personal- und Organisationsentwicklung ein hoch relevantes Thema. Er schafft hervorragende Voraussetzungen zur Formung einer von Lernwilligkeit und-freudigkeit geprägten Unternehmenskultur, in der sich der Respekt vor dem Bestehenden zur Neugier für das noch nicht Bestehende gesellt.

 

Informationen zum Autor:

Mag. Rudolf Krcma ist 1949 in Wien geboren. Studium der Chemie an der Universität Wien (Schwerpunkt Analytische Chemie). Von 1980 bis 2005 in verschiedenen Funktionen bei Hewlett-Packard Österreich (Anwendungsberatung, technische Schulungen, Vertrieb, Marketing, Organisationsentwicklung, Qualitätsmanagement; Mitglied der Geschäftsleitung.

Langjährige Aktivitäten zur Personal- und Führungskräfteentwicklung für Mitarbeiter, Partner und Kunden von Hewlett-Packard. Besondere Schwerpunkte in den Bereichen prozessorientiertes Qualitäts- und Wissensmanagement. Seit 2005 selbständiger Berater, Trainer, Coach und Mediator. Partner und Gesellschafter von KM-A.